Kreuzwort

Das Kreuzwort ist ein Statement unserer christlichen Kirchen vor Ort. Es wird von wechselnden Autoren zu aktuellen Themen verfasst und erscheint immer samstags im Regionalteil des Main-Echos. In der Woche nach dem Erscheinen im Main-Echo werden die Texte hier veröffentlicht.

 

Kreuzwort vom 13. Mai 2022

" Dem Unrecht widerstehen"

von Margit Binz, Pfarrerin für Ökumene im Evangelischen Dekanat Odenwald, margit.binz@ekhn.de

Die linke Wange hinhalten, wenn dich jemand auf die rechte schlägt? (Matthäus 5, 39) Mit diesem Text aus der Bergpredigt stehe ich immer wieder auf Kriegsfuß, solange ich denken kann, emotional und rational. Wem hilft es denn, sich misshandeln zu lassen, geduldig Unrecht und Gewalt zu ertragen und die eigenen Schmerzgrenzen und Verletzungen konstant zu ignorieren?

In der feministischen Theologie wurde diese vermeintlich christliche Art gelehrter Wehrlosigkeit und Duldung in Bezug auf Gewalt gegen Frauen zur Genüge problematisiert und auseinander genommen. Im Zusammenhang mit dem russischen Angriff auf die Ukraine wird dieser Text von manchen pazifistisch Gesinnten jedoch gerade gerne zitiert und als Aufforderung zu absoluter Gewaltfreiheit verstanden. Aber passt das wirklich?

Als ich vor kurzem in einer christlich-muslimischen Gruppe zur Lektüre von Bibel und Koran meinen Widerwillen über diesen Text kundgab, da schauten mich einige der muslimischen Teilnehmenden, Männer wie Frauen, ganz erstaunt an: Sie würden diesen Text gar nicht im Kontext von Krieg oder Gewaltlosigkeit lesen. Sie fänden ihn wunderschön. Hier ginge es doch um die Überwindung des Ego, darum, auch bei Verletzungen und Kränkungen seine unverletzliche Würde zu bewahren und nicht klein bei zu geben. Ich war verblüfft.

Mir gefällt dieses ungewöhnliche Verständnis des Textes. Er fordert dazu auf, sich nicht weg zu ducken, sondern standhaft zu bleiben: die eigene Würde, das eigene Haupt hochhalten, inklusive linker Backe. Das schließt überhaupt nicht aus, sein Land und Leben und das Leben anderer vor Gewalt und Ungerechtigkeit zu schützen und sich so weit wie möglich zur Wehr zu setzen, so wie es in der Ukraine gerade passiert.

Judith mit dem Kopf des Holofernes - Fede Galizia
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Es muss nicht immer nur David sein. Auch nicht ganz so ergeben: Judith. Sie schlägt dem Feldherrn Holofernes das Haupt ab und rettet damit ihr Volk. Diese Judith ist vermutlich ein Selbstporträt der Malerin: Fede Galizia (ca. 1578 – 1630), Malerin der italienischen Renaissance.