Kreuzwort

Das Kreuzwort ist ein Statement unserer christlichen Kirchen vor Ort. Es wird von wechselnden Autoren zu aktuellen Themen verfasst und erscheint immer samstags im Regionalteil des Main-Echos. In der Woche nach dem Erscheinen im Main-Echo werden die Texte hier veröffentlicht.

 

Kreuzwort vom 21. Oktober 2021

"Drei Siebe der Liebe"
 

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 Aufgeregt kam ein junger Mann zu Sokrates, jenem Philosophen aus dem alten Griechenland. „Höre, Sokrates, das muss ich dir unbedingt erzählen, wie dein Freund ..."-  „Halt ein!" unterbrach ihn der Weise, „hast du das, was du mir sagen willst, durch die drei Siebe geschüttelt?"

„Drei Siebe?" fragte der andere voll Verwunderung. „Ja, mein Freund, drei Siebe! Lass sehen, ob das, was du mir erzählen willst, durch die drei Siebe hindurch geht. Das erste Sieb ist die Wahrheit. Hast du alles, was du mir erzählen willst, geprüft, ob es wahr ist?" „Nein, ich hörte es erzählen, und ..."-  „So, so. Aber sicher hast du es mit dem zweiten Sieb geprüft, es ist das Sieb der Güte. Ist das, was du mir erzählen willst, wenn schon nicht als wahr erwiesen, wenigstens gut?" Zögernd sagt der andere: „Nein, das nicht, eher im Gegenteil ..." - „Dann", unterbrach ihn der Weise, „lass uns auch das dritte Sieb noch anwenden, das Sieb der Notwendigkeit. Ist es denn nötig, mir das zu erzählen, was dich so erregt?" - „Naja, notwendig nun gerade nicht...". - „Also", lächelte Sokrates, „wenn das, was du mir erzählen willst, weder wahr noch gut noch notwendig ist, so lass es begraben sein und belaste dich und mich nicht damit!"

Sokrates lebte etwa 400 v.Chr. Doch die Menschen haben sich seither wenig verändert: Wenn man etwas Verruchtes oder Delikates über einen Menschen erzählen kann, dann ist das viel interessanter, als jemandem etwas Gutes nachzusagen. Boulevard-Blätter und Paparazzi leben davon. Aber auch unser alltägliches Zusammenleben ist oft mehr vom Tratsch übereinander bestimmt als von guten Gesprächen miteinander. Diese menschliche Neigung belastet unsere Beziehungen. Der Reformator Martin Luther traf mit seinen Formulierungen sprachlich genau in den Lebensalltag der Menschen, wenn er in der Auslegung zum 8. Gebot „Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten" erklärte: „Wir sollen Gott fürchten und lieben, dass wir unsern Nächsten nicht fälschlich belügen, verraten, afterreden (= verleumden) oder bösen Leumund machen (= seinen Ruf verderben), sondern sollen ihn entschuldigen, Gutes von ihm reden und alles zum besten kehren."

Heute ist das aktueller denn je. Wer sich bemüht, jene drei Siebe der Liebe (wahr, gut, notwendig) anzuwenden, der erfährt, wie das mitmenschliche Miteinander plötzlich aufblüht.

von Pfarrer Bernd Töpfer, Direktor des Windsbacher Knabenchors, ehem. Pfarrer Marktheidenfeld