Wort zum Sonntag

Das Wort zum Sonntag erscheint in der Wochenendausgabe der Saalezeitung.

 

Ohne soziale Energie kann weder unsere Demokratie noch Religion überleben.

Demokratie braucht Religion. Diese These stammt nicht von einem Bischof oder aus der letzten Sonntagspredigt, sondern von dem Soziologen Hartmut Rosa. Bekannt ist er für die Studien über die immer größere Beschleunigung in unserer Gesellschaft. Aktuell beschäftigt er sich im Rahmen eines Forschungsprojekts mit der „Sozialen Energie“.

Diese Kraft der Gruppe, wie wir es in der Jugendarbeit der 70er Jahre nannten, scheint in unserer Gesellschaft abhandengekommen zu sein. Viele Menschen verfallen dem „immer schneller“, „immer höher“, „immer mehr“. Individualisierung und Egoismus sind die Schlagworte, die das Leben in unserer Gesellschaft schwer machen.

Und doch passiert es mir immer wieder, dass ich die soziale Energie hautnah erfahre, zum Beispiel bei der Demonstration „Bad Brückenau ist bunt“. Viele Menschen kommen zusammen, um zu sagen: Obwohl wir teilweise unterschiedlicher Meinung sind, wollen wir unsere Demokratie retten. Auch ich war dabei, weil unsere Demokratie ein Grund ist, dass es mir bisher mein ganzes Leben lang gut gegangen ist.

Und in einer freiheitlichen demokratischen Gesellschaft will ich weiter gut leben und bin auch bereit und  motiviert auch für Andere da zu sein. Dabei erlebe ich dann auch die soziale Energie, manchmal völlig spontan, etwa als die Eltern der Kommunionkinder nach einem Gottesdienst einen Frühschoppen auf dem Kirchplatz initiierten. Miteinander haben sie dabei ihre Erlebnisse erzählt und sich mit den Themen unserer Zeit auseinandergesetzt.

Wie können wir uns sozialer Energie bewusst werden und was bewirkt sie?

Mit dem Aschermittwoch haben wir eine, in unserem Kulturkreis, besondere Zeit begonnen. Früher war es eine Zeit des Fastens und der Umkehr, des neu Ausrichtens, damit man sich wieder mehr auf sein Leben und seine Beziehungen zu Gott und den Menschen besinnen konnte.

Ich glaube, dass es auch heute notwendig ist, uns zu besinnen, wie wir unsere Gemeinschaften und somit die Gesellschaft und die Religionen gestalten, damit das Leben aller Menschen möglichst gut gelingt. Dabei kann uns die soziale Energie nutzen, die entsteht, wenn Menschen miteinander ins Gespräch kommen und Projekte in Gang setzen. 

Eine regelmäßige Form von Gemeinschaft, sozusagen eine Demonstration „Gesellschaft ist bunt“, findet bei uns nach wie vor in den Gemeinden an jedem Sonntag statt. Soziale Energie entsteht im Gottesdienst, der sich mit einer klaren Botschaft, einer guten Nachricht an uns wendet: Jeder Mensch ist, von Gott geliebt und kann und darf sich zum Wohl der Gesellschaft einbringen. Hier sind alle willkommen.

Die soziale Energie, die ich am Sonntag tanke, ist dieselbe, die ich aus caritativen Gruppen, der Tafel, den Vereinen und im Kleinen bei der Nachbarschaftshilfe kenne. Und überall, da spüren wir, dass das Leben und das Miteinander für alle besser wird.

Was wäre das für ein Gewinn für unsere Gesellschaft, wenn wir uns in den kommenden Tagen bis Ostern vornehmen, soziale Energie bewusst zu erleben, indem wir uns versammeln und miteinander reden und unsere Zukunft gemeinsam gestalten. Jede und jeder kann das an dem Ort tun, wo sie und er lebt. Und vielleicht gewöhnen wir uns dann wieder an mehr Gemeinschaft und können beflügelt von der sozialen Energie Auferstehung und neues, befreites, gelingendes Leben feiern.