Wort zur aktuellen Lage von Dekan Till Roth

Dekan Till Roth

Liebe Gemeindeglieder im Dekanatsbezirk Lohr!

Wir erleben eine außergewöhnliche Zeit. Noch nie mussten wir alle Gottesdienste in unseren Kirchen und alle Veranstaltungen in unseren Gemeindehäusern absagen. Das ist für viele von Ihnen nicht nur ungewohnt, sondern regelrecht schmerzlich. Keine Frage: Wir tragen als Kirche das von der Bundesregierung und den Ländern erlassene Versammlungsverbot voller Überzeugung mit. Denn es gibt nach einhelliger Meinung der Experten keine Alternative dazu, durch strikte Reduzierung der sozialen Kontakte die Ausbreitung des Corona-Virus möglichst zu verlangsamen. Dennoch trifft uns als Kirche das Versammlungsverbot besonders hart. Denn Gott hat seine Gegenwart und seinen Segen in besonderer Weise der in seinem Namen versammelten Gemeinde versprochen, in der das Evangelium verkündigt und die Sakramente ausgeteilt werden. Es ist unsere Überzeugung und unsere Erfahrung, dass Wort und Sakrament die Heilsmittel sind, durch die Gott bei uns den Glauben wirkt und stärkt (Augsburger Bekenntnis).

Nun müssen wir also eine Zeit lang verzichten auf gemeinsame Gottesdienste und Abendmahlsfeiern – und das über die Zeit von Karfreitag und Ostern hin! Dennoch ist das Wort Gottes nicht gebunden, wie es der Apostel Paulus einmal sagt. Es läuft von selbst durch die Welt und bei weitem nicht nur in den Kirchengebäuden! Es läuft durch viele Zeugen und Vermittler und auf unterschiedlichsten Wegen. Darum sind wir durch das Versammlungsverbot keineswegs völlig aufgeschmissen. Es handelt sich ja nicht um eine Einschränkung der Religionsfreiheit wie in der frühen Christenheit oder in manchen totalitären Staaten heute. Es gibt Gott sei Dank viele Möglichkeiten, wie wir das Evangelium auch zu Hause, als Einzelne oder als Familien, empfangen können. Nutzen wir jetzt diese Möglichkeiten! Nehmen Sie bitte die Andachten und Gottesdienste wahr, die Sie über Radio, Fernsehen und Internet empfangen können. Auch unser Gesangbuch ist ein Schatz: Dort gibt es Andachtsformen (Nr. 719-730), Gebete (Nr. 841-851) und vieles mehr. Es gibt gute Andachts-Apps, z.B. „Start in den Tag“, und wertvolle tägliche Impulse im christlichen Radiosender „Evangeliumsrundfunk“. Auch vor Ort suchen jetzt die Pfarrer und Pfarrerinnen mit ihren Kirchenvorständen nach Wegen, um den helfenden, stärkenden und tröstenden Zuspruch Gottes zu den Menschen zu bringen. Ich bin dankbar dafür, dass sich auch in unserem Dekanat viele dafür einsetzen und kreative Ideen entwickeln.

Wir alle wissen nicht, wie lange das öffentliche Leben derart eingeschränkt sein wird. Es ist für uns alle eine Herausforderung. Manche spüren jetzt schon eine Vereinsamung. In Familien mit kleinen Kindern liegen die Nerven schnell blank. Viele stehen vor dem wirtschaftlichen Ruin. Wir machen uns Gedanken um die ärztliche Versorgung. Es gibt Gott sei Dank viel besonnenes Handeln, aber zugleich auch viel Verzweiflung. Besonders schmerzt es, dass die seelsorgliche bzw. überhaupt die menschliche Begleitung von Kranken und Sterbenden in unseren Alten-und Pflegeheimen und Krankenhäusern so stark eingeschränkt ist. Meiner Meinung nach bekommt das Telefon eine große Bedeutung. Hier kann man die Stimme eines anderen Menschen hören. Man kann nachfragen und antworten und in viel persönlicherer Weise aneinander Anteil nehmen als dies durch E-Mail oder WhatsApp möglich ist. Ja, diese Zeit ist eine große Herausforderung. Sie ist, wie unser Ministerpräsident Markus Söder sagte, nicht nur ein Stresstest, sondern ein Charaktertest. Achten wir trotz oder besser gerade wegen der starken Einschränkungen gut aufeinander? Verhalten wir uns rücksichtsvoll? Sind wir füreinander da und helfen einander?

Ich meine, für uns Christen ist diese Zeit auch ein Glaubenstest. In einem doppelten Sinn: Der Glaube ist zum einen lebendige Beziehung und Vertrauen auf Gott, den Schöpfer, Erhalter und Erlöser der Welt. Der Test lautet in dieser Richtung: Trägt uns dieses Vertrauen jetzt? Erfahren wir in aller Angst den „Frieden Gottes, der höher ist als alle Vernunft“? Erleben wir in aller Unsicherheit die Hoffnung, die Gott dem Glaubenden schenkt? Es ist eine Hoffnung, die jeder Bedrohung standhält, weil sie sich auf Jesus Christus gründet, der „die Auferstehung und das Leben“ ist und der verspricht, Leben und Überwindung des Todes zu schenken. Zum anderen weist uns der Glaube durch die Liebe an unseren Nächsten und zum Dienst in der Welt. Auch wenn das zurzeit mit gewissen Gefahren verbunden ist, werden wir uns als Christen nicht zurückziehen, sondern Möglichkeiten und Wege suchen, unseren Nächsten zu helfen. Das ist die andere Richtung des Glaubenstests. Der Glaube missachtet nicht die vernünftige Vorsicht – auch aufgrund der Verantwortung für die Gesundheit Schwächerer. Aber er überwindet Egoismus und Ängstlichkeit.

Diese Krise ist ein Charaktertest für unsere Gesellschaft. Sie ist ein Glaubenstest für die Kirche. Und sie stellt uns allen ganz neu die Frage nach Gott! Viele von uns erleben vielleicht zum ersten Mal so existentiell, wie gefährdet unser Leben ist. Wir haben es nicht in der Hand. Politische Steuerung, wissenschaftliche Erkenntnis, guter Wille und größte Vorsicht – all das reicht möglicherweise nicht aus. In aller Angst und Unsicherheit steht die Frage im Raum: Wer oder was kann mein Leben halten? Die Bibel zeigt uns, wie Menschen durch Krisen und schwere Zeiten in das Gebet getrieben wurden und neu gelernt haben, auf Gott zu vertrauen. Möge das auch heute bei uns und bei vielen so geschehen! Jeder von uns kann auch zu Hause die Hände falten und seine Angst und Unsicherheit vor Gott aussprechen. Lassen Sie uns auf das Versprechen Gottes vertrauen: „Wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, so werde ich mich von euch finden lassen.“

 

Gebet:

Herr, mein Gott, ich komme zu dir in meiner Angst. Ich wende mich an dich in aller Verunsicherung, die ich um mich herum sehe. Ich bringe dir meine Angst – die Angst um mein Leben und um die Gesundheit meiner Familie, die Angst vor der gegenwärtigen Bedrohung für die Menschen. Hilf, dass die Ausbreitung des Virus gebremst werden kann und dass bald Heilmittel gefunden werden. Beschütze mich und alle Menschen. Lass mich geborgen sein bei dir. Leite uns alle zu deinem Heil in Jesus Christus. Amen.

Lohr a.Main am 23. März 2020