Interview - Ein Leben im Dienst am Nächsten

Michael Donath
Bildrechte Michaela Gerlach

Redaktion: Lieber Michael Donath, vor kurzem hast du deinen 66. Geburtstag gefeiert, Ende Mai wirst du in den wohlverdienten Ruhestand eintreten. Mit welchen Gefühlen siehst du auf deinen Abschied?

M. Donath: Ich sehe dem Abschied mit gemischten Gefühlen entgegen. Nach insgesamt 39 Jahren Sozialarbeit und davon 32 Jahre beim Diakonischen Werk Lohr freue ich mich auf den Ruhestand. Diesbezüglich habe ich dazu einige Ideen – privat und nebenberuflich! Aber es fällt mir teilweise auch schwer, die Diakonie Lohr loszulassen. Ich durfte in den vielen Jahren viel Aufbauarbeit mit sehr vielen Begegnungen leisten, die mir sehr viel Freude bereitet hat!

Redaktion: Du siehst auf über 30 Jahre Arbeit im Diakonischen Werk Lohr zurück. Du konntest einige diakonische Arbeitsfelder neu aufbauen. Wie siehst du auf diese Arbeit zurück? Was möchtest du hervorheben?

M. Donath: Die interessante Frage für mich war immer, wie wir die Menschen als Diakonie und Kirche in ihrer Lebenssituation unterstützen können und wie sich die Diakonie Lohr innerhalb der sozialen Angebote von anderen Trägern positionieren kann. Es war für mich eine reizvolle Herausforderung und Erfahrung, die Aktion Pflegepartner, später die Diakonie-Alltagsbegleiter, die Lohrer Tafel und das Mehrgenerationen-Café aufzubauen. Hervorheben möchte ich alle Ehrenamtlichen, aber auch Hautamtlichen, die mich bei diesen Umsetzungen tatkräftig unterstützt haben und ohne die diese Projekte undenkbar gewesen wären.

Redaktion: Im letzten Jahr haben wir 20 Jahre Lohrer Tafel gefeiert. Sie ist die größte Tafelarbeit im Landkreis geworden mit besonderen Serviceangeboten. Es ist zugleich zwiespältig, dass die Nachfrage dauernd steigt. Wie siehst du als Geschäftsführer der Diakonie und persönlich als Christ auf das Thema Armut? 

M. Donath: 2024 lebten 17,6 Millionen Menschen in Deutschland in Armut. Das ist skandalös und traurig zu gleich! Die Armut wird voraussichtlich noch zunehmen, da immer mehr armutsgefährdete Menschen in Rente gehen. Die Tafelarbeit wird auch in Zukunft leider mehr denn je benötigt! Als Diakonievertreter und Christ sage ich, dass es unsere primäre Aufgabe ist, für die Armen da zu sein. Ich denke an das Gleichnis Jesu vom „Barmherzigen Samariter“. Der half dem Verletzten ohne Angst, sich zu die Hände schmutzig zu machen, wie seine beiden Vorgänger! Mit unseren armutsbezogenen Angeboten und Projekten sind wir da als kirchliche Einrichtung auf einem guten Weg. 

Redaktion: Ein Schwerpunkt deiner Tätigkeit war die „Kirchliche Allgemeinde Sozialarbeit“, also ein kostenfreies, für alle offenstehende Beratungsangebot. Dabei hast du viele Menschen in Notlagen begleitet und ihnen helfen können. Hat es dich mehr Kraft gekostet, die Not mitzutragen, oder mehr Erfüllung gebracht, den Klienten helfen zu können? Wie hast du für dein seelisches Gleichgewicht gesorgt? 

M. Donath: Die KASA war für mich immer ein wichtiger Dienst, den Ratsuchenden mit allen fachlichen Angeboten der Diakonie beizustehen. Es gab Situationen, in denen ich die massiven Schicksalsschläge der Klienten gedanklich mit nach Hause nahm bzw. dort weiter überlegt habe. Das kostete schon sehr viel Kraft und war natürlich für mich in diesen Situationen ein Abgrenzungsproblem. Insgesamt überwog jedoch die Freude, wenn es mir immer wieder, manchmal auch mit vielen Vernetzungen, gelang, lebensunterstützende Hilfen zu geben. Mein seelisches Gleichgewicht fand ich dabei immer im familiären Kontext und in Supervision und Fachgesprächen mit Kolleginnen und Kollegen. Manchmal wurde mir in solchen Situationen auch bewusst, wie sehr ich mich von Gott, manchmal ganz unmerklich, getragen fühle!

Redaktion: In den letzten Jahren hat sich das kleine Diakonische Werk Lohr bewusst an die sehr große Würzburger Diakonie angegliedert. Wie siehst du auf die Zukunft?  

M. Donath: Mittelfristig ist die Gründung einer Diakonie Lohr gGmbH mit dem Diakonischen Werk Würzburg sicherlich eine Absicherung für unsere kleine Diakonie. Sorge bereiten mir die Kürzungen der Landeskirche, die existenzbedrohend sind! Es kann nicht sein, dass kleine Diakonische Werke in Bayern kaum noch finanziell unterstützt werden, nur weil sie vielleicht weniger evangelische Seelen zu betreuen haben. Läuft der Samariter zukünftig an Katholiken, Orthodoxen, Moslems oder Hindus vorbei?

Redaktion: Auch Kirchengemeinde Lohr und Diakonie Lohr haben sich angenähert. Was ist dir wichtig an der Verbindung von Diakonie und Kirche?

M. Donath: Am Beispiel der Evang. Luth. Kirchengemeinde Lohr sieht man, dass erfolgreiche gemeinsame Projekte neue Wege eröffnen. Unser gemeinsames Mehrgenerationen-Café im Ulmer-Haus wird jeden Dienstag von 25-45 Personen besucht. Zu unseren Besuchern gehören oft alleinstehende, verwitwete Seniorinnen und Senioren, Mütter mit Kindern, Alleinerziehende, Tafel-Klienten, Menschen aus Flüchtlingsländern, Ehrenamtliche BesucherInnen aus der Kirchengemeinde, usw. Das sind Menschen, für die Kirche ein Stück Heimat geworden ist! Das ist für mich das Thema: Heimat und Lebensrealität in der Kirche! Wir als Diakonie sind ein wichtiger Teil von Kirche! Wir können auch für andere Kirchengemeinden mit Ideen und Professionalität da sein. Lasst uns weiter aufeinander zugehen!

Redaktion: Gute Wünsche oder Ratschläge für deine Nachfolgerin? 

M. Donath: Ich wünsche ihr viel Spaß an der Vielfältigkeit! Genau diese Freude sollte sie sich erhalten, denn sie trägt durch diese Arbeit! Ich wünsche ihr auch einen sehr guten Kontakt zu unseren vielen Ehrenamtlichen und den Hauptamtlichen, denn diese tragen maßgeblich zum Erfolg unserer Arbeit bei! Ich wünsche ihr das Vertrauen der Klienten, die uns immer wieder begleitend benötigen. Und ich wünsche ihr Zeit zur inneren Einkehr, wenn z.B. einmal alles zuviel werden sollte. Ein seelsorgerliches Gespräch und / oder Supervision kann diesbezüglich sehr gut helfen!

Redaktion: Wir wünschen dir Gesundheit und Gottes Segen im Ruhestand und alles Gute für den Übergang!

Die Fragen stellte Till Roth. Anfang Februar wurde unter vier Bewerbungen Silke Elzenbeck (54) aus Rieneck als Nachfolgerin von M.Donath und künftige Leiterin der Sozialdienste der Diakonie Lohr ausgewählt. Wir laden herzlich ein zur offiziellen Verabsachiedung von Michael Donath im Gottesdienst und anschließenden Empfang am Sonntag, 3. Mai 2026, um 10:00 Uhr in der Auferstehungskirche Lohr.